Seelenhund Anka – über eine Verbindung, die bleibt

Es gibt Hunde, die begleiten einen durch einen Abschnitt des Lebens.
Und es gibt Hunde, die begleiten einen durchs Leben – auch dann noch, wenn sie längst nicht mehr da sind.

 

Anka gehörte zu diesen Hunden.
Sie war mein Seelenhund. Nicht als romantischer Begriff, sondern als etwas, das sich bis heute nicht anders benennen lässt.

 

Ich fand Anka im Juli 2006 auf einer Landstraße in meiner alten Heimat in Nordthüringen. Es war spät am Abend, wir kamen mit dem Auto von einer Dorfparty nach Hause. Die Gegend war ländlich, die Nächte wurden bereits kühler. Über die Straße lief ein Hundewelpe. Allein.

 

Wir hielten an.
Ich rief sie – eher vorsichtig als entschlossen.

 

Sie kam sofort. Ohne Zögern, ohne Abstand.


Ich nahm sie auf den Schoß, noch dort am Straßenrand, und sie schlief kurz darauf ein. Nicht unruhig, nicht angespannt. Einfach erschöpft. Als wäre sie erleichtert, dass diese Nacht endlich vorbei war.

 

Anka liebte später das Autofahren. Jede offene Autotür war für sie ein Versprechen. Sie sprang ohne zu überlegen hinein, egal wohin es ging. Ich bin der festen Überzeugung, dass das kein Zufall war. Ein Auto hatte sie aus der dunkelsten Nacht ihres Lebens geholt. Vielleicht blieb dieses Gefühl von Sicherheit genau deshalb für immer mit diesem Ort verbunden.

 

Wir schätzten ihren Geburtstag auf den 1. Mai. Vom Alter her passte es – und ich mochte den Gedanken, diesen Geburtstag mit ihr zu teilen. Etwas Gemeinsames zu haben, das uns gehörte. Still, aber bedeutungsvoll.

 

Von Anfang an war da dieses tiefe Vertrauen.


Nicht antrainiert, nicht aufgebaut, sondern einfach da.

 

In der Hundeschule fiel Anka nicht durch besondere Perfektion auf, sondern durch ihre Selbstverständlichkeit bei mir zu sein. Sie orientierte sich an mir, ohne Unsicherheit, ohne Hinterfragen. Dieses Vertrauen begleitete uns durch ihr ganzes Leben. Es war unsere Basis – in jeder Situation.

2008 begann ich meine Ausbildung in Frankfurt. Zum ersten Mal bedeutete das, räumlich von Anka getrennt zu sein. Ich war plötzlich 300 Kilometer von meiner Familie entfernt, in einer neuen Stadt, ohne das Leben, das ich bis dahin kannte. Und ohne meinen Hund.

 

Diese Zeit fühlte sich einsam an. Ja – einsam ist das richtige Wort.

Mir fehlten die langen Spaziergänge, das Spielen, das Kuscheln, dieses blinde Verstehen ohne Worte. Mir fehlte dieses leise „Da ist jemand“, das man erst vermisst, wenn es plötzlich nicht mehr da ist. Ich füllte diese Lücke eine Zeit lang, indem ich als Ausführer im nahegelegenen Tierheim arbeitete. Das half. Aber es ersetzte nichts. Es waren Hunde – nur eben nicht meiner.

 

Anka blieb in dieser Zeit in meiner alten Heimat, mein Opa kümmerte sich um sie. Meine erste Hündin, Lissy – ein Jack Russell Parson Mix – verlagerte ihre Bezugsperson mit der Zeit von mir auf meine Mama. Anka tat das nicht.

 

Auch aus der Entfernung blieb unsere Verbindung klar.


Mein Wort hatte für sie Gewicht. Immer.


Wenn ich da war, gab es keinen Zweifel, wo sie hingehörte.

 

2012, nach meiner Ausbildung und nachdem ich meinen heutigen Ehemann kennengelernt hatte, konnte ich Anka wieder zu mir holen. Von da an waren wir wieder zusammen – ohne weitere Unterbrechungen, ohne erneute Trennung. Und so blieb es.

 

Anka war mein Seelenhund. Und diese Wahrheit hat sich nie verändert.

Ihr Abschied kam nicht plötzlich, aber er kam zu früh.


Am Ende konnte ihr Körper nicht mehr das, was ihr Wesen noch wollte. Aufstehen fiel ihr schwer, manchmal war es gar nicht mehr möglich. Sie verlor die Kontrolle über Dinge, die für sie immer selbstverständlich gewesen waren. Irgendwann war klar: Das hatte nichts mehr mit einem würdevollen Leben zu tun.

 

Sie ging an einem ihrer guten Tage. Beim letzten Gassi zeigte sie noch einmal, wie gut es ihr doch geht und ich kam ins Zweifeln, ob ich die richtige Entscheidung treffe. Zum Glück war meine beste Freundin bei mir. Sie fragte: „Willst du sie an einem guten Tag erlösen oder auf den nächsten richtig schlechten warten? Denn der kommt bestimmt.“ Und damit hatte sie recht. Wieso auf das nächste große Tief warten, bei dem jeder Moment eine Tortur wäre, wenn man einen Tag nehmen kann, an dem es ihr deutlich leichter fallen würde?! Also fuhren wir wie geplant zum Tierarzt und sie durfte auf dem Rücksitz meines Autos gehen, in meinen Armen.


Begleitet. Gehalten. Nicht allein.

 

Nach dem Einschläfern nahm ich sie mit nach Hause. Ich brauchte diese Zeit, diesen Raum, diese Stille nur für uns. Ich ging sehr oft zu ihr… um sie anzufassen, an ihr zu riechen, einfach nur neben ihr zu sitzen und ihre Pfote zu halten. Erst am nächsten Tag brachten wir sie ins Krematorium. Auch dort blieben wir bei ihr, solange es möglich war. Nicht aus Kontrolle, sondern aus Nähe. Mein Mann war ein riesiger Anker für mich in dieser dunklen Zeit.

 

Wie es danach war, lässt sich schwer in Worte fassen.


Mir wurde der Boden unter den Füßen weggerissen.

 

Joker kam erstaunlich gut damit zurecht. Hunde leben oft im Hier und Jetzt – und er war ohnehin eher egoistisch in dieser Beziehung. Mir hingegen fehlte Anka in einer Tiefe, die ich selbst nicht erwartet hatte. Immer wieder fiel ich in Löcher aus Trauer und Verlust. So sehr, dass ich sogar versuchte, luzides Träumen zu erlernen, nur um sie wenigstens im Traum wieder bei mir zu haben.

 

Mein Mann machte sich Sorgen. Er fand, dass das nicht mehr normal sei, wollte mich zum Psychiater schicken. Vielleicht hatte er sogar recht. Es hörte erst langsam auf, als ich 2021 schwanger wurde – und mit der Geburt unserer Tochter 2022 veränderte sich etwas Grundlegendes.

 

Die Trauer verschwand nicht.


Aber sie wurde weniger zerstörend.

Anka auf einem Sandweg, ruhig stehend, im letzten gemeinsamen Shooting.

Anka war ruhig, entspannt, geerdet. Ein wirklich wundervoller Hund. Als unsere Tochter geboren wurde, hatten wir bei Joker anfangs Bedenken, dass er ihr vielleicht unbeabsichtigt wehtun könnte. Er hat es nie getan und uns damit wirklich positiv beeindruckt. Und trotzdem musste ich immer wieder daran denken, dass ich mir bei Anka darüber nie, wirklich nie, Gedanken gemacht hätte. Sie wäre niemals grob gewesen. Nicht aus Versehen. Nicht aus Überforderung. Diese Ruhe war Teil von ihr.

 

Mit der Entscheidung, wie ich ihre Asche aufbewahren möchte, ließ ich mir viel Zeit. Fast ein Jahr verging, bis ich wusste, was sich für mich richtig anfühlt. Viele Menschen möchten die Asche ihrer Tiere gar nicht sehen. Ich habe mit vielen darüber gesprochen – die meisten sagen: nein.

 

Dabei ist Asche nicht grau.


Sie ist farbig. Vielschichtig. Fast so, als trüge sie noch einmal eine letzte Handschrift des Wesens, das sie einmal war.

 

Ich wollte keinen Altar. Kein Foto mit Kerze. Für manche ist das wichtig – für mich nicht. Ich wollte etwas, das still ist. Etwas, das andere vielleicht als Dekoration wahrnehmen. Und das mich jedes Mal, wenn ich es ansehe, an meine Anka erinnert, ohne dass es erklärt werden muss.

 

Heute steht bei mir eine gläserne Sanduhr.


In beiden Kammern ist ihre Asche sichtbar. Die Zeit vergeht – aber nicht alles fließt hindurch. Ein Teil bleibt immer da. Genau so fühlt sich diese Verbindung für mich an.

 

Graviert ist der Satz: „Deine Flügel waren bereit, mein Herz war es nicht.“

 

Was ich bis heute bereue, hat nichts mit ihrem Abschied zu tun.


Ich habe kein gemeinsames Shooting mit ihr. Ich dachte lange, wir hätten noch Zeit. Dass wir das irgendwann machen würden. Als ich merkte, wie sehr sie abbaute, versuchte ich es noch einmal. Und brach ab. Es war zu viel für sie. Also entschied ich mich gegen das Bild – und für sie.

 

Heute weiß ich: Ich würde es anders machen. Nicht, dass ich das letzte Shooting mit Gewalt durchziehen würde, sondern, dass ich das Shooting viel viel früher gemacht hätte.

 

Nicht, um etwas festzuhalten, das vergeht. Sondern um etwas sichtbar zu machen, das bleibt.

 

Ich habe natürlich trotzdem viele Bilder von Anka. Handyfotos aus den ersten Tagen. Bilder aus unserer gemeinsamen Jugend. Aus Urlauben. Spätere Aufnahmen, die bereits meine fotografische Handschrift tragen. Jedes davon erzählt ein Stück unserer Geschichte. Und jedes davon ist wertvoll.

 

Anka war eine Verbindung, die keine Worte brauchte. So wie manche Formen von Liebe sich nicht erklären lassen, wenn man sie nicht selbst erlebt hat.

 

Und genau deshalb weiß ich heute, wie unbezahlbar Erinnerungen sind.
Wie wertvoll Bilder sein können.
Nicht als Ersatz. Sondern als Anker.

 

Anka ist Vergangenheit.

Und gleichzeitig Teil von mir.

 

Beides darf nebeneinander existieren. Und genau das tut es.